Archiv für März 2013

Silkroad-Project – 16000 Kilometer in 427 Tagen von Bonn nach Japan.   Leave a comment

Bei der Vorbereitung unserer Reise waren uns detaillierte Berichte von „vorausfahrenden“ RadlerInnen besonders wichtig. Daher haben wir für alle „hinterherfahrenden“ RadlerInnen unsere Route in GoogleEarth detailliert beschrieben.

GoogleEarth muß auf dem PC zuerst installiert werden. Dann einfach auf das Land klicken, und die Symbole erklären sich von selbst:

Fahrrad = Übernachtungsplatz

Haus = mehrere Übernachtungen im Hotel und Pausentag

Zelt = mehrere Übernachtungen im Zelt und Pausentag

Zug = Übernachtung im Zug

Schiff = Übernachtung auf dem Schiff

Flugzeug = Übernachtung im Flugzeug

Fahne = Passanhöhe

hinter den Symbolen verbergen sich ausführliche Kommentare (Doppelklick)

Deutschland

Österreich

Slowenien

Kroatien

Ungarn

Serbien

Bosnien und Herzegowina

Montenegro

Albanien

Kosovo

Mazedonien

Bulgarien

Griechenland

Tuerkei

Irak

Iran

Turkmenistan

Usbekistan

Tadschikistan

Kirgisistan

China

Japan

China

Niederlande

Deutschland

und natülich die ganze Reise

und noch ein Tip: in GoogleEarth „Ebenen“ das Häkchen auf „Fotos“ setzen. Dann kommen auch einige Fotos von uns…

Darüberhinaus gibt es für jedes Land ein Streckenprofil.

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Veröffentlicht 31. März 2013 von silkroadprojectblogspot in seidenstrasse | Wolfgang Burggraf

Nach 427 Tagen auf dem Fahrrad: 10 goldene Regeln fuer den Umgang mit ReiseradlerInnen   1 comment

1.

Reiseradlerinnen und Reiseradler sind vollwertige VerkehrsteilnehmerInnen. Oft legen sie längere Strecken zurück als du als KraftfahrerIn. Sie gehören zum Fernverkehr – und noch dazu CO2-frei!

2.
Überlasse ReiseradlerInnen und Reiseradlern die Entscheidung, wo sie fahren: auf der Fahrbahn,
einem Radfahrstreifen, auf einer Mehrzweckspur oder einem Standstreifen. Bedenke dabei, daß Reiseradlerinnen und Reiseradler auf eine steigungsarme Streckenführung, guten Fahrbahnbelag und eine nicht durch Steine oder Glassplitter verunreinigte Fahrbahn angewiesen sind. Dies schließt in der Regel die in manchen Ländern vorhandenen Fahrradwege als Möglichkeit aus. Solltest du ReiseradlerInnen und Reiseradler auf Autobahnen oder für Fahrräder gesperrte Strecken antreffen, gehe davon aus, daß dies oft die einzige Möglichkeit ist, um voranzukommen. In manchen Ländern lotst die Polizei übriges Radreisende aus Sicherheitsgründen auf die Autobahn! Hast du etwas Zeit, kannst du gerne mit eingeschalteter Warnblinkanlage in sicherem Abstand hinterherfahren, um „Rückendeckung“ zu geben. (Dies gilt besonders für – unbeleuchtete – Tunnelstrecken!) Unterlasse aber in jedem Fall besserwisserisches Zurechtweisen „da ist ein Radlweg!“ nur weil du dich durch die langsameren VerkehrsteilnehmerInnen in deiner Raserei gestört fühlst. So haben es VerkehrsplanerInnen im Sinn: Viel schieben, wenig Berührung mit dem Kraftverkehr! Die Dachauer übrigens sind Weltmeister in dieser arrogant-aggressiven Rechthaberei – das bleibt als Assoziation bei diesem Nummernschild.
3.
Als eigene „Lebensversicherung“ fahren ReiseradlerInnen und Reiseradler mit Rückspiegel. Schließlich fahren sie ohne passive Sicherheit und müssen auch deine Fehler ausgleichen. Jedes Kraftfahrzeug, das sich von hinten nähert, bedeutet zunächst eine Gefahr. Wenn du dich also von hinten einer Reiseradlerin oder einem Reiseradler näherst, blinke bereits früh nach links. Dadurch zeigst du der Reiseradlerin oder dem Reiseradler, dass du sie oder ihn gesehen hast und sowohl ethisch als auch technisch gewillt oder fähig bist, sie oder ihn bzw. ihr oder sein Leben zu respektieren, d.h. dass du überholen wirst, ohne sie oder ihn zu gefährden. Dein rechtzeitiges Blinken schenkt also der Reiseradlerin oder dem Reiseadler einige entspannte Zehntelsekunden, in denen sie oder er die Straße vorne oder gar die Landschaft betrachten kann. Wenn du dann überholst, halte 1,5 m Sicherheitsabstand und fahre zügig vorbei. Am besten wechselst du vollständig auf die Überhol- oder Gegenspur, dadurch verhinderst du, dass du deinerseits überholt wirst und gezwungen bist, die Reiseradlerin oder den Reiseradler zu schneiden und dadurch zu gefährden. Wenn du überholst, werde auf keinen Fall aus Neugierde langsamer, denn durch dein Gegaffe kommt es zu einer gefährlichen Verlangsamung des Verkehrsflusses.
4.
Eine Reiseradlerin oder ein Reiseradler wird täglich 3 – 5.000 mal angehupt. Deiner Hupe kann die Reiseradlerin oder der Reiseradler nichts Adäquates entgegensetzen. Hupen bedeutet für die Reiseradlerin oder den Reiseradler immer Stress, zumal sie oder er ja sowieso ständig dem Lärm der Kraftfahrzeuge ausgesetzt ist. Jedes Hupen muß sie oder er immer als Gefahrenwarnung interpretieren, auch wenn es als freundliches Grüßen, besserwisserisches Ermahnen oder einfach spätpubertäres „ich kann lauter“ gemeint ist. Hupen ist also absolut tabu, außer in einem wirklichen Notfall.
5.
Bedenke, daß du als Kraftfahrzeuglenkerin oder –lenker für die Reiseradlerin oder den Reiseradler anonym bleiben wirst. Dein Gesicht bleibt ungesehen, denn die Reiseradlerin oder der Reiseradler kann es sich im Verkehrsfluß selten leisten, vom Rückspiegel oder der Fahrbahn aufzublicken. Du begegnest also durch dein Verhalten. Rechtzeitiges Blinken, sicherer Abstand beim Überholen oder geduldiges Abbremsen, solltest du einmal nicht sofort überholen können; dadurch wird die Reiseradlerin oder der Reiseradler dich und deinen Charakter wahrnehmen, deinen Respekt und deine Erziehung. Erst wenn du an der Reiseradlerin oder dem Reiseradler vorbeigefahren bist, kannst du mit der Warnblinkanlage freundlich grüßen. Wenn du jetzt unbedingt zum Gruß hupen willst, tu dies dezent; die Serben sind übrigens darin Meister. Kannst du nicht dezent hupen, unterlasse es lieber… Hupe aber in keinem Falle schon hinter der Reiseradlerin oder dem Reiseradler oder auf gleicher Höhe. Dies muß sie oder er wieder als Gefahr-Hupen interpretieren.
Darüber hinaus gibt es Grundregeln der Höflichkeit: Vor einer roten Ampel nicht noch schnell überholen, beim Einparken in eine Bucht immer vorwärts, nie rückwärts. Dein Auspuff ist genau in der Höhe des auf dem Boden sitzenden Reiseradlers oder der Reiseradlerin, die gerade vielleicht das Mittagessen einnimmt. Geb ot der Höflichkeit: vorwärts einparken und Motor aus! Und: Im Stand immer Motor aus, auch wenn du gerne im klimatisierten Wagen sitzen möchtest.
6.
Begegnest du einer Reiseradlerin oder einem Reiseradler im Gegenverkehr, verzichte auf Überholen, indem du in seine Gegenspur hineinfährst und grüße auch hier erst, wenn du an ihr oder ihm vorbei bist durch dezentes Hupen und den Warnblinker.
7.
In Steigungen ab 4 % – besonders über 10 % – müssen Reiseradlerinnen und Reiseradler oft Schlangenlinien fahren, um hochzukommen. Die Innenseite von Haarnadelkurven ist besonders steil. Bedenke dies beim Überholen, insbesondere wenn die Reiseradlerin oder der Reiseradler ganz rechts fahren, denn dann kommt ein Schwenk nach links! Verdopple also den Sicherheitsabstand!
8.
Eine Reiseradlerin oder ein Reiseradler freut sich über einen Gruß von dir. Auch unterhalten sich die Radler gerne mit dir, wenn sie eine Pause machen. Grüße aber stets so, daß du keine Antwort erwartest. Besonders in Steigungen vollbringt die Reiseradlerin oder der Reiseradler sportliche Höchstleistungen und hat etwas anderes zu tun als smalltalk… Wenn du etwas Nettes tun willst, reiche ihr oder ihm einen Schokoriegel, aber bitte so, dass sie oder er nicht anhalten muß. Wenn Radler eine Pause machen, brauchen sie diese auch. Sie werden dann nicht weitere Meter zu deinem Auto zurücklegen. Komm dann auf sie zu.
9.
Wenn du eine Reiseradlerin oder einen Reiseradler anhältst, tu dies nicht zur Befriedigung deiner eigenen Neugierde, sondern um wirkliche Hilfe und Gastfreundschaft anzubieten. Bedenke, daß du an dem Tag schon der zweiundfünfzigste bist, der die RadlerIn oder den Radler anhält, um zu fragen: „Wo kommst du her?“ oder um ein Foto zu machen, mache daher deutlich, dass es um etwas anderes geht und zeige dies: Wasserflaschen, Thermoskannen, Früchte etc. symbolisieren dies. Gerne gesehen ist daher, wenn du z. B. bei Kälte eine Thermoskanne zeigst. Dann werden die Radler gerne anhalten, um dein Angebot anzunehmen. Auch am Abend bei schlechtem Wetter oder Kälte ist dein Anhalten sinnvoll wenn du einen Schlafplatz – sei es im Garten, der Garage, im Stall oder im Haus – anzubieten hast, der mit dem Rad schnell und gut zu erreichen ist. Zeige dies pantomimisch an. (Natürlich wissen wir, dass die Aufnahme von Ausländern in manchen Ländern verboten ist und akzeptieren dies natürlich.) Übrigens empfiehlt in den meisten Ländern die Polizei, keinesfalls anzuhalten, außer bei eindeutig erkennbaren Polizisten oder Militärs. Bedenke dies, wenn du versuchst, ReiseradlerInnen anzuhalten!
10.
Wenn du einer weiteren Sprache neben dem Deutschen mächtig bist, dann mache von den „10 goldenen Regeln“ eine Übersetzung und füge sie als Kommentar diesem Blogeintrag bei!

Veröffentlicht 28. März 2013 von silkroadprojectblogspot in seidenstrasse | Wolfgang Burggraf

Long Distance Bikers und Commons   Leave a comment

doro

Long Distance Bikers

Was sind Long Distance Bikers? Nun – Long Distance Bikers fahren durch alle vier Jahreszeiten (also mindestens ein Jahr) am Stück, haben kein Begleitfahrzeug.

Long Distance Bikers und Commons

Long Distance Bikers sind sozusagen weltweite NutzerInner der Commons. Ob öffentliche Toilettenanlagen wie in Japan, gefaßte Quellen wie in den Gebieten des ehemaligen Osmanischen Reiches, die Zugänglichkeit von Gebieten (d. h. die Möglichkeit, Visa zu erhalten und Aufenthaltszeiten so zu verlängern, daß ein durchgängiges Reisen mit dem Fahrrad möglich ist), Land, das nicht vermint ist etc. etc..

Nach und nach werden wir an dieser Stelle unsere Erfahrungen als Long Distance Bikers auf dem Hintergrund der Commons erzählen und reflektieren.

1. Gundas Artikel zum Thema WERTE

Was sind Commons?

von Silke Helfrich (dieser Beitrag findet sich hier)

… egal ob lokal, regional oder global. Natürliche, soziale und kulturelle Ressourcen und Prozesse wie….Auen, Teiche, Kulturtechniken (Lesen, Schreiben, Algorithmen), Fotosynthese, Organe, Moore, Firmament, Wald, Wiesen, Weiden, Spektrum, DNA, Wasser (und Wasserkreislauf), Regen, Eis, Schnee, Elektrizität, Feuer, Stille, Heide, Kanäle, Artenvielfalt, Sinnsprüche, Wellen (Lichtwellen, Wellen des Meeres…), Land (-schaft), Meeresboden, Fischbestände, Energieträger, UV Strahlung, Stabilität des Klimas, kulturelle Vielfalt (Musik, Tänze, Sprache, Bräuche), Ozonschicht, städtische commons (Plätze, Parks, Gehsteige), Triften, Wikipedia, GPL/CC, Museen, Wissensbestände (Bibliotheken, Forschungsergebnisse/-pools, Datenbanken), Wissenschaft, Bräuche und Traditionen, Festivals, Marktplätze, Gemeinschaftsprojekte zum Leben & Arbeiten, Kunst, Bäder, Zeit?, Riffe, Märchen, soziale Netze und Räume u.v.m.

Commons als Konzept

Der Begriff der Gemeinschaftsgüter bezieht sich auf zwei zentrale Kategorien. Erstens auf endliche, materielle, natürliche Ressourcen wie Rohstoffe, Energieträger, Wasser, Wald u.v.m. und zweitens auf nicht fassbare, immaterielle, intellektuelle Ressourcen wie Wissen und Ideen – die codes der Informationsgesellschaft (Software) und die codes des Lebens; die Wissensallmende.

Historisch wurden vor allem die in tatsächlichem Gemeindebesitz befindlichen Gewässer, Wiesen und Wälder als Gemeinschaftsgüter, bzw. Allmende (All+Gemeinde) bezeichnet. Allmende gehörten auch in Deutschland bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zur Lebensrealität, doch mit den Gemeinheitsteilungsgesetzen ab Mitte des 19. Jahrhundersts verschwand allmählich auch der Begriff. Er gewann hundert Jahre später, unter anderem durch den berühmt gewordenen Aufsatz des Biologen Garrett Hardin von 1968 neue Relevanz. Hardin formulierte pointiert die These, dass der rationale Mensch einer gemeinschaftlich genutzten Ressource zum Zwecke persönlicher Gewinnmaximierung mehr entnehme als ihm anteilig zusteht und dies zwangsläufig zur Vernutzung der Ressource führte. Diese These verfestigte sich nicht nur diskursiv im vielzitierten Aufsatztitel der „Tragik der Allmende“, sondern wurde politisch funktionalisiert, um Privatisierungsstrategien durchzusetzen. Der Autor selbst gab in späteren Aufsätzen jenen KritikerInnen Recht, die darauf hinwiesen, dass Hardin nicht den geregelten Umgang mit Gemeinschaftsbesitz sondern den ungeregelten Zugang zu Niemandsland analysiert habe.

In der aktuellen Debatte rekurriert der Begriff nicht nur auf Gaben der Natur sondern auch auf von vorangegangenen Generationen erzeugte kulturelle Ressourcen und immaterielle Güter, sofern sie sich im Besitz von lokalen bzw. globalen Gemeinschaften befinden oder aus normativen Gründen in Kollektivbesitz gehalten werden sollten. So wie Gemeinschaftsland kein Niemandsland ist, sind Gemeinschaftsgüter -gleich welcher Kategorie- nicht „herrenlos“..

Zugangs-, Nutzungs- und Teilhaberechte an den Gemeinschaftsgütern werden weltweit nach selbst gesetzten und lokal angepassten Regeln kollektiv bestimmt. Diese Regeln müssen den Eigenschaften der jeweiligen Kategorie entsprechen. Während natürliche Ressourcen rivalisierend, das heißt in Konsum und Nutzung nicht teilbar sind, sind Wissensallmende – wie öffentliche Güter – nicht rivalisierend. Eine Software oder ein Rezept können beliebig oft und von beliebig vielen Menschen zugleich genutzt werden, sie werden dennoch nicht verbraucht. Diese Eigenheit unterläuft den traditionellen Allokationsmechanismus der Marktwirtschaft, der die Zuordnung knapper Ressourcen über den Preis steuert. Wissensallmenden sind aber nicht knapp.

Bei absolut oder relativ knappen Ressourcen implizieren die Zugangs- und Nutzungsregeln normalerweise starke Beschränkungen. Wissensgüter wiederum sind nur “nachhaltig”, wenn der Zugang zu ihnen prinzipiell offen gehalten wird. Verantwortungsvolles Gemeinschaftsgütermanagement zielt darauf ab, Effizienz, Stabilität und Widerstandsfähigkeit der jeweiligen Ressource zu sichern sowie Zugangs-, Nutzungs- und Verteilungsgerechtigkeit innerhalb der Mitglieder der Gemeinschaft zu gewähren. Prinzipien wie Freiheit und Verantwortung, Reziprozität und Kooperation sind dafür grundlegend.

Gemeinschaftsgüter müssen im Sinne intergenerationeller Gerechtigkeit immer wieder an die Gesellschaft zurückfallen, was ihren Erhalt voraussetzt. Doch nach wie vor werden sie massiv übernutzt oder privatisiert (Klimawandel, Überfischung der Ozeane, Privatisierung von Wasser, Patentierung von Softwarecode, lebenden Organismen oder Gensequenzen). Die Debatte rückt daher in den Mittelpunkt, dass Gemeinschaftsgüter entweder per sé nicht privateigentumsfähig sind (Ideen, Kultur, die Stille, das Sonnenlicht) oder dass sie ihren gesellschaftlichen Nutzen nur dann entfalten, wenn sie von der Gesellschaft, nicht notwendigerweise vom Staat, kontrolliert und bewirtschaftet werden. Einen Königsweg gibt es nicht, doch als Grundsatz lässt sich formulieren, dass Gemeinschaftsgütermanagement immer als treuhänderische Verwaltung zu verstehen ist. Unabhängig davon wer als Treuhänder agiert – die BürgerInnen/Gemeinde direkt oder indirekt über einen funktionierendes demokratisches Staatswesen oder zeitweilig ein privates Unternehmen -, die entscheidende Frage ist, ob die implementierten Regeln und Prinzipien absichern, dass die Verfügungshoheit dieser und künftiger Generationen über ihr kollektives Erbe erhalten bleibt.

Die derzeitige Neuentfaltung des Begriffs geschieht im Kontext des Übergangs zur Wissensgesellschaft. Seit mehr als einem Jahrzehnt gewinnen die Auseinandersetzungen um Wissensallmende in den Kämpfen um Patentrechte, um die allgemeine Verfügbarkeit von Algorithmen und Codes, um freie Bildung und Kultur an Wirkungsmacht. In Anlehnung an die Einhegung (enclosure) der Allmendwiesen und -weiden im England des 18. Jhd. beschreibt der Jurist James Boyle die private Aneignung der Wissensgüter des 20. Jhd. als second enclosure of the commons. Dieser Prozess greift auf immer neue gesellschaftliche Sphären über und aktiviert zahlreiche politische Konflikte. Er findet auf technologischer (DRM, Terminator Technologie, Synthetische Biologie u.a.), juristischer (TRIPS, nationale Gesetzesnormen zu Patentrecht und Copyright), politischer (assymetrische Verhandlungsprozesse – national, regional, international – im Rahmen von Handels-, Kooperationsabkommen und internationalen Verträgen) und (sozio-)ökonomischer Ebene (Megainfrastrukturprojekte und ihre Folgen für schwache Bevölkerungsgruppen, de facto Durchsetzung der Interessen wirtschaftlich besser situierter Gruppen, Korruption) statt.

Der Ansatz vermag vier zentrale Themen zu verknüpfen: Demokratie, Gerechtigkeit, Ressourcenschutz und die Entwicklung von Steuerungsmodellen in einer wissens- und informationsbasierten Wirtschaft. Gemeinschaftsgüterbezogen denken meint, das Wissen um die informationellen Grundlagen der gegenwärtigen Epochenwende mit klassischen ökologischen und Gerechtigkeitsvorstellungen zusammenzubringen, mithin Gene, Bytes und Emissionen interdisziplinär zu diskutieren. Das Fehlen eines ähnlich durchsetzungsstarken Begriffs, wie der der Nachhaltigkeit in der klassischen Umweltdebatte eröffnet dabei Raum für die Konsolidierung der Gemeinschaftsgüteridee. Jenseits der Polarisierung zwischen Markt und Staat rückt diese die Gesellschaft – die Gemeinschaft der BürgerInnen – in die zentrale, treuhänderische Verantwortung für zukunfts- und wissensgesellschaftsfähiges Handeln.

Gemeinschaftsgüter sind Langfristvoraussetzung für Produktion und Reproduktion und werden mit Blick auf die Sicherung des Gemeinwohls und des sozialen Kitts, der auch den Wohlfahrtsstaaten abhanden kommt, zunehmend als solche identifiziert. Ob emanzipatorische Politik gelingen kann, hängt zentral davon ab, ob commons -und mit ihnen die gemeinschaftlichen/ gesellschaftlichen Strutkuren- für alle Menschen erhalten und zugänglich bleiben. Businessmodelle, Entwicklungsprojekte und politische Steuerungsmechanismen werden deshalb künftig auf ihre Gemeinschaftsgüterverträglichkeit abzuklopfen sein.

Mein steiniger Weg zu den Commons

Ein Rückblick
von
Jacques Paysan

„Die Pyrenäen, Sie sind nicht allzu hoch – ihre Linien sind sanft geschwungen, der scharfe Grat ist hier selten, und alle Kuppen sind rund. Es ist wie erstarrte Musik in diesen Höhenzügen“ (Kurt Tucholsky, 1927).
Wir stehen auf dem Col de Peyreget, wo ein kleines Schild eine Höhe von 2.320 m über dem Meeresspiegel anzeigt. Nicht allzu hoch also, wobei ich trotzdem außer Atem bin. Vermutlich ist daran aber nicht der Berg schuld, sondern die Schwerkraft. Die runden Kuppen kann ich nicht sehen. Sie dösen im Morgennebel vor sich hin. Es duftet nach Thymian und feuchtem Gras. In der Ferne hört man Schafglocken.
„Dort unten“, sage ich und zeige ins Tal. Sie blickt suchend in die Tiefe.
„Siehst Du sie?“, frage ich. „Die Schafe! Die Schafe von Oliver Hardy.“
Sie verdreht die Augen.
„Garrett Hardin! Nicht Oliver Hardy.“, gibt sie zurück und macht sich an den Abstieg. Ich schaue ihr nach und muss lachen.
Als wir uns kennenlernten, hatte ich noch nie von Hardin gehört. Auch nicht von seinem Nutzenoptimierer, der so lange Vieh auf die Weide treibt, bis die leer gefressene Grasnarbe verödet – von der „Tragedy of the Commons“ also.
„Commons?“ Ich hatte keine Ahnung was das sein sollte.
Ich schaue zurück zu den Schafen und nehme einen Schluck aus der Wasserflasche. Dann folge ich ihr.
Seit unseren ersten Gesprächen über die Commons hat sich mein Blick in die Welt dramatisch verändert. Ich habe jetzt eine differenziertere Vorstellung, was „Commons“ bedeutet. Commons? Einfach genial!

Es war ein steiniger Weg zu diesem Punkt. Dagegen war unser Aufstieg zum Col de Peyreget ein Zuckerschlecken. Am schwersten tat ich mich mit dem Unterschied zwischen Ressourcen und Commons. Dieser Lernprozess erinnert mich an das Bild, in dem man entweder zwei Gesichter oder eine Vase sieht. Das dominierende Bild scheint die komplementäre Kontur aus unserer Wahrnehmung zu verdrängen – bis der Groschen fällt. Dann sind beide Aspekte plötzlich problemlos erkennbar. Ist es nicht erstaunlich? Die Commons verstecken sich in Mißverständnissen, wie die Bergkuppen im Nebel.
Was also sind Commons? Eine Wiese, auf der die Hirten gemeinsam ihre Schafe weiden? Nein? Eine Sozialbeziehung, die den Zugang der Schafe zur Wiese regelt? Damals stöhnte ich und raufte mir die Haare. Was sollte das sein, eine Sozialbeziehung, auf der die Schafe weiden?
Mein Groschen fiel erst mit einem Beispiel, das wenig mit Politik und Schafen zu tun hat: dem Bergsteigen!
Ich bleibe stehen und lausche. Aus der schroffen Felswand, an deren Fuß wir gerade wandern, hört man das Klirren der Karabiner und die Rufe der Kletterer, die ihre Kräfte mit der Schwerkraft messen.
Einst eine Extremsportart, treibt das Klettern heute Tausende in Hallen und Felswände. Der Berg und die kletterbare Route bilden die Ressource. Die aktiven Kletterer sind die Commoners, die sich eigenständig auf komplizierte Regelwerke geeinigt haben: Verhaltensregeln und Schwierigkeitsgrade. Einfach war das nicht und konfliktfrei schon gar nicht. Aber heute sind die Differenzen überwunden. Die Kletterer kümmern sich um die Routen, sorgen für stabile Verankerungen, die vor gefährlichen Stürzen bewahren, zeichnen Routenskizzen und bezeichnen die Passagen mit einfallsreichen Namen. Auch Konflikte mit Naturschützern versucht man einvernehmlich zu lösen, was manchmal die Hilfe von Behörden erfordert.
Schutzrechte und Patente gibt es nicht. Im Gegenteil: Die Cracks unter den Kletterern erfinden ständig neue Routen und laden alle Welt dazu ein, sich daran zu versuchen. Dabei gilt die Regel: „Don’t leave footsteps! Ermögliche nachfolgenden Kletterern, die Route in dem Zustand zu entdecken, in dem du sie entdeckt hast“. Einige der so entstandenen Routen sind weltberühmt, wie The Nose am El Capitan im kalifornischen Yosemite-Nationalpark. In Tausenden von Jahren aber, wenn die Kletterer längst ausgestorben sind, dann werden diese Felsen immer noch dort stehen. Ein Commons sind sie dann nicht mehr denn das Commons ist die Sozialbeziehung. Der Klettersport und nicht der Fels.
Meine Begleiterin ist längst über alle Berge und ich müsste mich sputen um sie einzuholen. Statt dessen stolpere ich durchs Geröll, versunken in philosophische Betrachtungen. Die Commons haben mir die Augen geöffnet. Und wie!
Heute sehe ich überall Commons. In jedem Park, in dem Menschen zusammen Boule spielen, ein Glas Wein trinken und reden. An den Trinkwasserquellen in Baktapur, wo die nepalesischen Frauen lange Schlangen mit ihren Wasserkrügen bilden und dort nach für uns unsichtbaren Regeln Trinkwasser abfüllen. Wenn ich mit meinem Sohn zum Angeln gehe oder mit Ärzten über Satelliten-gestützte Telemedizin diskutiere, mit deren Hilfe ein Arzt in Zentralafrika die Expertise von Kollegen in Großbritannien nutzen könnte, wenn, ja wenn wir die Nutzung dieser Expertise als ein Commons und nicht als eine kommerzielle Dienstleistung  organisieren würden. Das Kaleidoskop der Commons ist bunt und die Liste der Möglichkeiten die ich sehe wächst mit jedem Gedanken.

Unten im Tal blöken die Schafe. As a rational being, schrieb Hardin 1968, each herdsman seeks to maximize his gain. Als rationales Wesen versucht also jeder Schäfer seine Gewinne zu maximieren? Als sei der Schäfer dümmer als das Schaf.  Als wäre er nicht imstande, sich mit Kollegen auf Regeln zu einigen, die eine nachhaltige Nutzung der Wiese im Interesse aller sichern. Wie bizarr erscheint mir heute dieser Kurzschluss im Gehirn, der uns blind macht für die Tatsache, dass Menschen sich kooperativ verhalten wollen, wenn auch andere dies tun. Das unseelige Bild vom Nutzenmaximierer versperrt uns die Sicht auf die Commons wie ein Brett vor dem Kopf.
Mir fällt ein Satz ein, den ich vor zwanzig Jahren in meiner Dissertation geschrieben habe: Seit Charles Darwin 1871 die gemeinsame Abstammung von Mensch und Affe postulierte, hat der Mensch versucht seinen prinzipiellen Unterschied zum Affen zu definieren. Damals kam es mir gar nicht in den Sinn, die Frage selbst zu beantworten, aber heute erscheint mir die Lösung dieses Problems ganz einfach. Es ist das Broca-Areal, das Sprachfeld der Hirnrinde, das nur beim Menschen existiert. Und die Sprache ist das wichtigste Werkzeug der Kooperation. Jeder Wurm mit seinem Strickleiternervensystem kann konkurrieren, und wenn es nur um ein Erdloch ist. Was aber den Menschen ausmacht, ist die Fähigkeit zur Kooperation in höchster Perfektion.
Beim Versuch meine Begleiterin einzuholen, stolpere ich über einen Stein und lande unsanft auf einer Distel. Alles zu seiner Zeit, denke ich und setze mich ins Gras. Die Thematik ist komplex und nicht im Gehen zu lösen. Auch Konkurrenz braucht ihren Raum. Ungeteilte Aufmerksamkeit zum Beispiel ist ein hart umkämpftes Gut. Wenn es um Anerkennung und Zuneigung geht, findet Kooperation oft ein jähes Ende. Im Vergleich zu den Problemen einer Paarbeziehung ist die Frage, wie wir unseren Umgang mit Algorithmen und Melodien, mit Rezepten, Literatur und wissenschaftlicher Erkenntnis, mit geistigem Eigentum, Autorenrechten und dem Zugang zu Badestränden und Bildung regeln könnten, ja geradezu ein Kinderspiel. Aber wer sagt eigentlich, dass es einfach sein muss?
Apropos schwierig! Die härtesten Auseinandersetzungen hatten wir um Patente und über das Copyright.
„Warum sollte jemand von einem Text profitieren, den er frech von mir abgekupfert hat?“, fragte ich noch vor Kurzem empört.
„Warum eigentlich nicht?“, denke ich heute. „Solange er mich als Autor nennt. “
Was Tucholsky betrifft, so zitiere ich ihn jedenfalls oft und gerne – denn sein Werk ist inzwischen gemeinfrei und von verwertungsrechtlichen Bürden erlöst.
„Erlöst vom Gebirge“, so schrieb er 1927, „– erlöst vom Klettern und Steigen. In meinem Herzen liegt eine kleine Flocke, eben geboren, ein Ei: Sehnsucht nach den Pyrenäen.“

Literatur
Kurt Tucholsky (1927): Ein Pyrenäenbuch, Rowohlt Verlag.
Jacques Paysan (1994): GABAA-Rezeptor Subtypen als Area-Marker in der Ontogenese des cerebralen Neocortex, Universität Zürich.

Veröffentlicht 27. März 2013 von silkroadprojectblogspot in seidenstrasse | Wolfgang Burggraf